Peter Rosei (2)

Peter Rosei

Befragung – Zu den Skulpturen Franz Roseis

Im Lauf der Jahre habe ich schon öfter über meinen Bruder ge­schrie­ben. Wenn wir uns einen Vorwurf machen können, dann den, zu be­schei­den ge­wesen zu sein. Immer­hin hat mein Bruder, den zeit­ge­nössischen Kunst­strömungen mehr oder weniger zum Trotz, sein um­fang­reiches Werk ge­schaffen. Es ist ihm nicht nur ge­lungen, seine Skulpturen zu pro­duzieren, er hat gleich­zeitig mit­hilfe dieser Skulpturen dem um­ge­benden Raum ein paar neue und höchst per­sön­liche Fragen ge­stellt.

Seit gut vier­zig Jahren ist mein Bruder als Bild­hauer tätig. Mehr und mehr Jahre sind ver­gan­gen. Wenn auch bei Ge­legen­heit von Aus­stellun­gen die Skulp­turen klassisch präsentiert sind, jede für sich auf einem extra für sie er­fundenen Sockel, frei im Raum stehend und von allen Seiten gut zu be­trach­ten, fristen sie ihr Dasein für ge­wöhn­lich doch als Gruppe, als Menge, als Haufen, der, un­ge­achtet der tausenden in sie ein­ge­schriebenen und ein­ge­grabenen Informa­tionen, dem großen Raum rings­um bange Fragen stellt.

»Wo nun? Wer nun? Wann nun?«

Natürlich sagen alle diese Arbeiten etwas, wenn du dich je einzeln mit jeder von ihnen ein­läßt. Aber am meisten sagen sie viel­leicht, wenn du sie einfach als eine Familie auf­fasst, eine Gruppe, zwischen deren Mit­gliedern Verwandt­schafts­be­zieh­ungen herrschen. Da sind dann die Farben, groß und klein, liegend, auf­gerichtet, hin­gelegt oder hin­gestellt.

Gerade da­durch, dass die Skulpturen etwas erzählen wollen, weisen sie mich hin auf den Raum, in den hinein sie ihre Ge­schichten er­zählen und der selber nichts er­zählt.

Die Familie der Roseischen Plastik ist ge­kenn­zeich­net durch einen Satz von wieder­kehr­enden Zei­chen, die einer­seits an den Satz der Zahlen, anderer­seits an den der Musik er­innern. Was sie je einzeln aus­drücken, ist vor­sprach­lich, aber will doch zur Sprache hin. Über die viel­fach anthro­po­morphe Grund­gestalt er­scheinen sie bald wie Ver­zauberte, wie Un­er­löste, auch wie ein­ge­frorene und isolierte Aus­drucks­gesten, die in den um­geben­den Raum deuten.

Diese Ar­beiten sind nicht auto­nom oder selbst­ver­fangen: Sie brauchen und fordern gerade­zu das Gegen­über, den Be­trachter, den, der gerade vor­über­kommt.

Wir dürfen nicht ver­gessen, dass wir im großen Raum ganz ohne Ori­en­tie­rung sind. Man könnte sagen: Diese Figuren flüstern dir ihre je eige­ne Ge­schichte zu; die frei­lich, in aller Deutlich­keit und Präzision zu ver­nehmen, ihrem Sinn nach aus­leg­bar bleibt.

Dies ist eine Zeit, die das aus­ge­führte und durch­ge­arbei­tete Argu­ment rasch de­savouiert. Mit großer Ge­schwindig­keit ar­beiten sich Satz und Gegen­satz an­einander ab. Oft gelten beide gleichzeitig für richtig. In einer solchen Lage ist der deut­liche Verweis auf etwas, auf einen Sach­verhalt, auf eine Ge­schichte, die ihrem Sinn nach nicht letzt­ge­klärt werden kann, noch das Ehr­lichste, was zu er­hoffen ist.

Entropie der Be­deu­tung. Un­glück der einsamen Seele. Aus­flüge zum Pathos. Ab­schluss in einer Form, die ganz und gar ge­wollt, fassen wir aber den un­geheuren Raum ins Auge, doch wie­der nur tastend, wenn nicht zu­fällig ist.

Inter­aktion. – Jede Ge­schichte sucht den, der sie hören will. Der Text oder die Bot­schaft, wenn Sie es ganz einfach haben wollen, fasst sich im ur­teilen­den An­schau­en des Vor­über­gehen­den.

Und wie ent­steht jetzt das Schöne?