Peter Rosei (3)

Peter Rosei

Ein paar Gedanken zum Werk meines Bruders

Kürzlich, auf einer Reise durchs Gebirge, fiel mir folgende Er­klä­rung zur Ar­beit meines Bru­ders ein: Kennten die Kris­tal­le im Berg­inneren mensch­liche Freu­den und mensch­liches Leid, sie könnten mit den Plas­tiken von Franz Rosei ver­wandt sein. Was will ich damit sagen? Einerseits kenn­zeichnet das Werk meines Bruders ein Form­gesetz, wie es auch die Natur be­stimmt, etwa das Wachsen der Kris­tal­le. Was nichts anderes heißt, als dass sich im Formungs­prozess ein gewisser­maßen ein­ge­borenes Kon­zept reali­siert. Diese Art von Schön­heit be­stimmt ein Geist, dem nichts Mensch­liches an­haftet, der immer schon da war, etwa im Kon­zept der Symme­trie, der je­weiligen spezi­fischen Dichte der Mate­rialien, der Farben etc. Über­lasse dich ihm! Und dann, gleich­zeitig oder par­al­lel dazu oder auch im Wider­spruch dazu, denk daran, was Du er­lebt hast, wie dein Schick­sal war – und das drücke dann aus! Die Arbeiten meines Bruders, könnte man sagen, sind solcher­art Hybride, sie leben von der Span­nung zwischen einem all­gemein vor­ge­gebenen und einem höchst intimen Plan.

Seit den An­fängen in den sieb­zi­ger Jahren habe ich die Arbeit meines Bruders mit Er­klärungs­versuchen und Kom­men­taren be­gleitet. Ver­suchen wir heute einmal, das alles ein wenig zu­sammen­zu­fassen.

Zu Beginn war es vor allem der exis­ten­tielle Aspekt, der mich inte­r­essiert hat: das Allein-­Sein in der Werk­statt, die Schwere der Arbeit, die Prä­zi­sion der Arbeits­vor­gänge – und ins­be­sondere der Um­stand, dass die Art des Vor­gehens, wie mein Bruder sie pflegt, keine Fehler er­laubt. Taille directe. Es gibt kaum Möglich­keiten zur Kor­rek­tur. Einmal dem Fehl­läuten der Nacht­glocke gefolgt, wie es bei Kafka heißt, es ist nie mehr gut zu machen.

Dass bei jedem Schlag mit Hammer und Meißel das Ganze des Werks auf dem Spiel steht, unter­scheidet diese Art Vor­gehen vom Leben, und doch auch wieder nicht. Dass wir in der fertigen Plastik ein tausend­fach ge­schliffenes und über­arbeitetes Ding vor uns haben, ver­bindet sie einer­seits mit der Natur von Geröll­brocken oder Kiesel­steinen, anderer­seits mit Vor­gängen, wie sie uns aus jeder Art von Gedanken­arbeit be­kannt sind: Einfall, formale Über­legungen, Sub­gedanken, Wuche­rungen, Ver­werfen der Form, weil sie das Ge­dachte nicht mehr fassen kann, An­passung der Form, re­vidierte Form, neue Gedanken usf. Bei dieser Vor­gehens­weise, könnte man sagen, steckt der ur­sprüng­liche Ein­fall tief drinnen im Stein, er verbirgt sich, alles Material wird durch Gedanken­arbeit ver­geistigt, das Werk strahlt.

Noch einmal: Spon­tanität wird man im Werk meines Bruders ver­geb­lich suchen. Der erste Ein­fall, und die anderen Ein­fälle dazu, sind jetzt, wo die Bild­werke vor uns stehen, bloß Zu­träger der Form. Alles Per­sön­liche ver­schwindet mehr und mehr im Fort­gang der Be­schäfti­gung. Durch Arbeit und wieder Arbeit gehen die Ge­danken Ver­bindungen ein, die ur­sprünglich wohl nur zum Teil ge­wusst, im Lauf des Vor­gangs sich zwingend ein­stellen: Das Kon­strukt selbst über­nimmt das Kom­mando, ge­nährt und ge­sättigt vom Denken des Machers. Man könnte auch sagen: Die Kunst von Franz Rosei be­steht in einem Denken, das sich in Bild­werken kon­kre­tisiert. Die gut les­bare und erkenn­bare Ober­fläche, aber auch der innere Bau geben nur Hin­weise auf die uns über­brachte Bot­schaft: Sie selbst steckt im Inneren, im Ab­strahlen der Kraft und der Ge­danken, die der Bild­hauer im Fort­gang der Arbeit in sein Werk inves­tiert hat.

Später habe ich mich auf ein­zelne Plastiken kon­zen­triert, sie zu deuten versucht. Dabei geriet immer mehr die Art und Weise in den Fokus, wie sich die Plastiken schluss­endlich prä­sentieren: Schön­heit der Mate­rialen ist das eine, eine be­stimmte Art von Ge­schmack, von dem sie zeugen, das andere, die Haltung, die sich zu­letzt darin aus­drückt, ein Drittes. Haltung? Letzt­lich bestimmt unsere Ein­stellung zu den Grund­tatsachen des Lebens, Glück und Freude, Unglück und Leid, Schmerz und Tod, die viel­fachen Nuancen, mit denen sie uns im Leben be­gegnen, was man Charakter nennt. Welchen Charakter haben nun die Ar­beiten, die ich vor mir habe? Soweit ich sehe, ist es die Vor­stellung von Wider­ständigkeit, Wider­spenstigkeit, ja, von einer Art Trotz, gepaart mit Ge­lassenheit und einer sanften Melan­cholie, was hier zur Ge­stalt wird. So ist es, ja, so ist es, hört man die Skulp­turen gleich­sam sagen, wie man es, schaut man den Un­geheuerlich­keiten des Lebens ins Auge, ge­legent­lich zu sich selbst sagt.

Schließ­lich ergab sich ein weiterer Schritt der Ana­lyse: Womit er­zielt der Künst­ler denn seine Wirkungen, wie macht das mein Bruder? Zum einen ist es ein Kanon von beinah ab­strakt auf­ge­fassten, oft anthropo­morphen Groß­formen, Kopf, Körper­schaft, Fuß­teil, die mit kleineren Details wie Falten, Höckern und Mulden spielen. Dazu kommen Risse, Adern, Ab­schattierungen im Stein, die eben­falls bewusst ein­gesetzt scheinen. So be­trachtet sind die Skulpturen Zeichen­systeme, dazu da, uns etwas zu er­zählen. Eine Ge­schichte? Mir kommt vor, sie er­zählen uns Geschichten.

Stellen­weise kann das semiotische Ge­spinst auf­ge­brochen sein: Da zeigen die Figuren dann bei­nah ironisch vor, woraus sie ge­macht sind, aus Stein eben.

Man könnte die Skulpturen meines Bruders solcher­art als eine Art von Schrift oder Tagebuch auf­fassen, als Lebens­bericht auch oder, besser noch, als fort­während addierte Summe. So fasst sich das Er­lebte und Ge­dachte jeweils zu­sammen, steht da, bleibt zurück – wie Kilometer­steine an einer Straße.

Un­längst einmal schrieb ich: In einer Welt, die nicht am Ärmel ge­halten werden will, gehen die Fragen, die mein Bruder mit seinen Skulpturen auf­wirft, leicht im Durcheinander von natürlich­en und künstlich­en Dingen unter: Felsen oder Bäume, Leit­schienen an der Auto­bahn, vorüber­fliegende Licht­masten, die auch keiner be­achtet, weil wir ein Leben führen, von dem wir nicht wissen – und meist auch nicht wissen wollen – was für ein Leben das ist.

Das Traum­verhangene, Ver­sponnene und tief Nach­denkliche dieser Art von Treiben sollte uns die Tatsache nicht ver­bergen, dass es das eine ist, aufs Fragen aus zu sein, das andere aber, den Fragen, wie sie sich stel­len, nicht aus dem Weg zu gehen.